Vorwort zum Buch

von Dr. Stefan Frädrich

Die Gefängnistore schlossen sich. Ein muskelbepackter Wärter mit Oberlippenbart führte mich mit finsterer Miene in den kargen Besucherraum. Gleich würde er auch meinen ersten Interviewpartner holen: Bewaffneter Raubüberfall, zuvor wegen schwerer Körperverletzung verknackt. Au weia. Vielleicht schaffte ich heute vor der Mittagspause auch noch den Steuerhinterzieher.

Am Nachmittag standen ein Vergewaltiger und ein Drogendealer auf dem Programm. Morgen hingegen würde es noch spannender werden: Da hatte ich einen Termin mit einem echten Mörder. Zugegeben: Meine erste professionelle Begegnung mit dem Thema «Menschenkenntnis» war schräg.

Im Rahmen meiner Doktorarbeit wollte ich erfahren, wie viel Prozent der Straftäter im Gefängnis eine Persönlichkeitsstörung hatten und welche. Sollte Straffälligkeit weniger mit «gut» und «böse» zu tun haben als vielmehr mit extremen Spielarten menschlichen Wesens?

Keine Frage: Meine etwa 120 diagnostischen Interviews hinter Gittern gehören mit zu den spannendsten Erfahrungen meines Lebens. Andererseits aber verschafften sie mir eine unerwartete Selbsterfahrung.

Was glauben Sie wohl, was man im Alltag wahrnimmt, wenn man sich von morgens bis abends mit Persönlichkeitsstörungen beschäftigt? Richtig: Persönlichkeitsstörungen. Überall! Der Bäcker, die Nachbarin, der Mann am Bankschalter, die Uni-Professorin – alle waren sie plötzlich nicht mehr ganz normal. Und ich irgendwie auch nicht ...

Heute weiß ich: Was ich mit dem etwas arroganten Selbstverständnis eines Studierten für Menschenkenntnis hielt, war kaum mehr als das Anlegen einer einzigen Wahrnehmungsschablone, die für einen ganz anderen Zweck gedacht war. Ich hatte einen Hammer und hielt nun alles für einen Nagel. Dass meine Diagnoseschubladen für das meiste außerhalb der Welt der Persönlichkeitspathologie eher ungeeignet waren, ja dass sie mit Menschenkenntnis nur sehr wenig zu tun hatten, schnallte ich noch nicht.

Warum erzähle ich das? Damals hätte ich ein Buch wie dieses, das Sie jetzt in den Händen halten, gut gebrauchen können. Ein Buch, das mir die Verschiedenheit von Menschen anschaulich erläutert, ohne sie starr in Schubladen zu stecken. Ein Buch, dessen Ansatz nicht die akademische Herleitung mit ellenlangen Fragebögen und diagnostischen Interviews ist, sondern das mir alltagstauglich hilft, den Bäcker, die Nachbarin, den Mann am Bankschalter und die Uni-Professorin besser einzuschätzen, so dass ich verstehe, wie sie ticken. So dass ich mich für sie öffnen kann, anstatt mich ihnen zu verschließen. So dass wir einander verstehen.

Ich hätte ein Buch brauchen können, das mir Menschenkenntnis statt Persönlichkeitspathologie beibringt. Was treibt den einen an, was den anderen? Im Job, im Privatleben? An welchen Zeichen merke ich das? Was bin ich selbst für einer? Was bedeutet das in der Interaktion mit anderen? Wie kann ich Menschenkenntnis für alle gewinnbringend anwenden? Wie und wo hilft sie uns, einander näher zu kommen und besser zu leben?

Kurz: Ich hätte Martin Betschart damals als Coach gebrauchen können! Denn Martin ist nicht nur ein grandioser Erfolgstrainer, sondern auch ein echter Menschenversteher. Er hat genau die Menschenkenntnis, die es braucht, um mit sich selbst und anderen glücklich und produktiv zu leben.

Dabei versteht es Martin auch in diesem Buch (wie immer) wunderbar, mit klarer Sprache und anschaulichen Modellen sofort umsetzbare Orientierung und Tipps zu geben. Er definiert die Diagnoseschubladen so, dass wir sie als Leser (als Coachees) sehen, verstehen, sie sofort praktisch anwenden können – und dennoch unseren offenen Blick für den individuellen Menschen bewahren.

Er beherrscht und vermittelt genau das, was ein bekannter Philosoph, so ausdrückte: «Die Kunst besteht darin, Schubladen zu benutzen und sie dennoch offen zu lassen.»

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg mit diesem tollen Buch, einen scharfen «diagnostischen» Blick für sich und Ihre Mitmenschen – und klar definierte, aber stets offene Schubladen!

Ihr Dr. Stefan Frädrich

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